Sammlungen

« Zurück

Rudi Christoforetti (Interreg III)

Rudi Christoforetti wurde 1929 in Branzoll in Südtirol/Italien geboren, wo er zusammen mit seinen fünf Geschwistern seine Kindheit verbrachte. Im Jahre 1939 siedelte die Familie im Zuge der Option ins Deutsche Reich aus. Hauptgründe für die Auswanderung waren zum einen die schlechte Auftragslage des Vaters, der den Spenglerberuf ausübte und die zunehmende Italienisierung durch den Faschismus. Über Berchtesgaden kam die Familie schließlich nach Wels in Oberösterreich wo Rudi Christoforetti seine Jugend- und Lehrjahre als Friseur verbrachte. In Wels entdeckte er auch seine Liebe zum Theater. Der akademische Kunstmaler Edi Wolf begeisterte den damals 19jährigen Rudi Christoforetti für das Puppenspiel und schon bald organisierten beide zusammen Aufführungen im Wels der Nachkriegszeit. Die Familie Christoforetti kam Anfang der 1950er Jahre im Zuge des Rückwanderungsabkommens wieder nach Branzoll zurück. Im Jahre 1954 wurde auf Initiative von Rudi Christoforetti die Heimatbühne Branzoll gegründet. Der bereits 1919 ins Leben gerufene „Theaterbund Branzoll“ fand 1926 unter dem Faschismus ein rasches Ende. Zu den Hauptanliegen der Heimatbühne Branzoll zählte neben der Aufführungstätigkeit nicht zuletzt auch das volkstumspolitische Engagement für die kulturelle Belebung der deutschen Sprachgruppe im Dorf. So wurde beispielsweise bei Auslandaufführungen Anfang der 1950er Jahre Geld für die Errichtung eines deutschsprachigen Kindergartens gesammelt. 1960 kam es, wieder unter der Leitung von Rudi Christoforetti zur Gründung der „Ersten Südtiroler Puppenspiele Branzoll“. In den darauf folgenden Jahren fanden im ganzen Land erfolgreich durchgeführte Vorstellungen statt.

1962 begann die Zusammenarbeit mit dem Branzoller Operettenkomponisten Roman Pola. 1970 zog Rudi Christoforetti aus beruflichen Gründen nach München. Sowohl die Puppenspiele als auch die Heimatbühne beendeten mit seinem Weggang ihre Tätigkeiten und lösten sich auf. In München setzte Rudi Christoforetti seine Theatertätigkeit fort und übernahm ab dem Jahr 1972 die Regie bei der 1967 gegründeten „Sendlinger Bauernbühne“. Die Bühne gehörte zum traditionsreichen Verein der „Freien Turnerschaft München – Süd e.V.“, der sich seit 1893 für sportliche und kulturelle Belange sowie andere Freizeitgestaltungen einsetzte. Rudi Christoforetti führte bis zum Frühjahr 2008 bei über 60 Stücken die Regie. Ab dem Jahr 1975 wurde Rudi Christoforetti zudem Regisseur beim „Südtiroler Volkstheater“, einer Sektion des Vereines der „Jung – Südtiroler München“. Dieser Verein trägt seit 1991 die Bezeichnung “Südtiroler Volksbühne München“ und führt bis heute Theaterstücke in Südtiroler Mundart im Pfarrsaal von St. Wolfgang auf. Die Südtiroler Volksbühne in München erlangte ihre größten Erfolge mit sozialkritischen Stücken und Dramen aus dem bäuerlichen Milieu (z.B. „Krach im Hause Gott“ von Felix Mitterer, „Grummetzeit“ von Josef Feichtinger u.a.). Christoforettis Arbeit am „Südtiroler Volkstheater“ wurde zwischen 1985/86 vom Institut für deutsche und vergleichende Volkskunde der Kommission für Bayerische Landesgeschichte an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften wissenschaftlich untersucht und erforscht. Die Ergebnisse sind im Rahmen einer Ausstellung publiziert worden (Hans Schuhlanden (Red.), So ein Theater! Zum gegenwärtigen Spiel von Amateurbühnen in München. Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung des Instituts für Deutsche und Vergleichende Volkskunde, in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München, Abteilung Volkskulturpflege, vom 14.- 24. April 1986 in der Rathaushalle am Institut für Volkskunde.)

1997 trat Rudi Christoforetti in den beruflichen Ruhestand. Er hielt sich schon in den Jahren zuvor wieder vermehrt in seinem Heimatdorf Branzoll auf, wo er die Wiedergründung der Heimatbühne Branzoll vorantrieb. 1995 war die Bühne mit dem Stück von Rita Bauer „Der Alptraum“ wieder zum Leben erweckt worden. Im selben Jahr wurden auch die „Ersten Südtiroler Puppenspiele“ mit der Aufführung der „Zauberlaterne“ von Edi Wolf aufgenommen. In den Jahren zwischen 1998 und 2001 war Rudi Chistoforetti Regisseur beim „Deutschen Theaterverein Margreid“ und Mitbegründer der „Margreider Puppenkiste“.

Rudi Christoforettis Einsatz für das Theaterwesen wurde mit zahlreichen Auszeichnungen und Ehrungen gewürdigt. So erhielt er u.a. die Goldenen Ehrennadel vom Bund Deutscher Amateurtheater, die Urkunde als Dank und Anerkennung des Bayerischen Volks- und Amateurtheaters, das Große Ehrenzeichen und die Urkunde des Bundes Südtiroler Volksbühnen, die Goldenen Ehrennadel der Sendlinger Bauernbühne, die Ehrenurkunde „in Anerkennung des Südtiroler Theaterverbandes, die Ehrenurkunde der Heimatbühne Branzoll sowie die Verdienstmedaille des Landes Tirol. 1999 wurden die Jugenderinnerungen von Rudi Christoforetti an seine Zeit während des Nationalsozialismus in Wels in der Publikation „Rieche, es ist die deutsche Faust - Ein Südtiroler „Optantenjunge“ erlebt die NS-Zeit in Wels“ veröffentlicht. Rudi Christoforetti war hat sich in seiner Heimatgemeinde Branzoll nicht nur im Theaterwesen engagiert; so war er Mitglied des Gemeinderates, stellvertretender Obmann des Männergesangsvereins, Obmann des Katholischen Verbandes der Werktätigen, Obmann des Verschönerungsvereins und Präsident de Sportclubs Branzoll.

Das umfangreiche Privatarchiv von Rudi Christoforetti wurde auf Vermittlung seines Cousins Univ. Prof. Dr. Günther Pallaver dem Südtiroler Landesarchiv übergeben und vom Historiker Dr. Markus Trocker aufgearbeitet und verzeichnet. Die Archivalien stammen aus dem Zeitraum zwischen 1954 und 2004 und umfassen neben Unterlagen und Bildern zur Gemeinde- und Kulturpolitik Branzolls, größtenteils Dokumente aus der Theatertätigkeit, wie Plakate, Flugblätter, Eintrittskarten, Einladungen, Zeitungsausschnitte, Fotos und Bühnenmanuskripte. Viele der unter der Regie von Rudi Christoforetti aufgeführten Theaterstücke wurden ab den 1960er Jahren auf Magnettonpulen und später auf Audiokassetten aufgezeichnet. In den 1980er Jahren wurden einzelne Stücke auf VHS aufgenommen. Der AV-Bestand wurde digitalisiert und als wertvolle Bereicherung der Sammlung in den Archivbestand im Südtiroler Landesarchiv aufgenommen.

(Quellen: Dr. Markus Trocker, Vorwort zum Findbuch des Archivbestandes in Südtiroler Landesarchiv; Günther Pallaver, "So ein Theater! 50 Jahre Heimatbühne Branzoll. Eine Chronik zwischen Kultur und Politik", Bozen 2004)

» Zeige alle Objekte: Rudi Christoforetti (Interreg III)